Meditier' vor 4?

Wie ein Selbstversuch mich um die Einladung zur Starbucks-Weihnachtsfeier brachte

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Kennst du Menschen, bei denen du genau weißt: "Wenn ich die vor dem ersten Kaffee am Morgen anspreche, lebe ich gefährlich?"

Dann weißt du, wie ich vor 12 Jahren drauf war.

Mein Tag startete nach dem Aufstehen mit dem Gang zur heimischen Kapselmaschine - vor einem "Gran Crasso" Stufe 10 ging nichts. Auf dem Weg zur Arbeit MUSSTE mich mein Weg dann an der Filiale einer bekannten amerikanischen Kaffeehaus-Kette vorbeiführen - denn mein Büro lag direkt darüber. Ein Segen für Starbucks, ein Fluch für mein Konto. Ein Barista scherzte bereits, dass ich zur nächsten Weihnachtsfeier eingeladen würde - ich "gehöre ja quasi dazu".

Um nicht mein gesamtes Gehalt direkt dort zu lassen, bin ich im Büro dann auf das schwarze Gold aus dem hiesigen Kaffeevollautomaten ausgewichen. So hatte ich bis zum Mittag die vierte Tasse intus, war annehmbar wach, fühlte mich jedoch innerlich wie ein aufgeschrecktes Eichhörnchen auf Speed. Man konnte also durchaus sagen, ich war ein Kaffeejunkie.

Das alles wäre für mich in Ordnung gewesen, hätte mir nicht mein Magen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dieses fantastische Organ war gleich in mehrerlei Hinsicht in einer misslichen Lage. Da war einmal mein Job als Softwareentwickler in einem mittelgroßen Unternehmen, der von permanentem Projektdruck geprägt war. Dieser Umstand, gepaart mit einer gehörigen Portion Perfektionismus, meiner ausgeprägten Ignoranz für gesundes Essen und dem hohen Kaffeekonsum machten der Magenschleimhaut offensichtlich schwer zu schaffen. Ein Besuch beim Facharzt machte mich auf diesen Umstand sehr zu meinem Verdruss aufmerksam. Zu meinem Unmut trugen vor allem die gut gemeinten Ratschläge des Arztes bei, ich solle "einfach mal mehr entspannen", "weniger Kaffee, dafür mehr Tee trinken" und "mich gesünder ernähren". Ebenso gut hätte er einem Schalke-Fan raten können, den Kampf um die Meisterschaft nicht so eng zu sehen und sich auch für Bayern München über den Titel zu freuen.

Ich hatte also ein Problem, aber keine Lösung.

Dieser Zustand hielt einige Wochen an, in denen ich halbherzig versuchte, mehr Kamillentee zu trinken, weniger Überstunden zu machen und mehr Sport zu treiben. Der Erfolg war meinem Einsatz entsprechend mager. Eines Abends sah ich dann durch Zufall eine Reportage über ein tibetisches Kloster im Fernsehen.

Die Mönche standen dort bereits um halb 4 morgens auf, um den Tag mit Meditation zu beginnen. Als überzeugter Morgenmuffel war ich entsetzt und fasziniert zugleich. Entsetzt, dass man freiwillig so früh aufstehen kann und fasziniert, weil die Mönche dabei irgendwie alle gut drauf waren.

Der besondere Effekt?

Als nächstes sprach der nebulös klingende Erzähler von dem "besonderen Effekt", den eine Meditation am frühen Morgen habe - welchen ließ er zu meiner großen Enttäuschung leider offen. Dass die Mönche sich zu so früher Stunde nicht gegenseitig umbrachten war es offensichtlich nicht, obwohl ich allein diese Tatsache schon bemerkenswert fand. Es muss doch auch unter denen Morgenmuffel geben oder gegeben haben? Machte Meditation jemanden morgens etwa sozialverträglicher? Wäre das wahr, hätte das vor allem für meine Beziehung einen nicht zu verachtenden Vorteil gehabt.

Und überhaupt, wie kommt jemand, der so früh aufsteht, dann noch durch den Tag, ohne Tonnen an Koffein oder Koks? Diese Fragen haben mich dann doch gepackt und meine Gedanken kreisten. Ich witterte eine Möglichkeit, meiner maladen Magenschleimhaut etwas Gutes zu tun. Wie man meditierte wusste ich bereits, auch wenn ich von diesem Wissen konsequent keinen Gebrauch machte. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich, wenn überhaupt, nur abends meditiert hatte, dazu unter der Woche jedoch zu müde war (oder schlichtweg keine Lust hatte). Morgens zu meditieren, dieser Gedanke lag mir bis dahin fern.

Augen auf und los

Ich startete also zum Selbstversuch. Leistungsfixiert wie ich damals war stand fest, dass ich vor 4 Uhr aufstehen und meditieren wollte, eine Stunde natürlich, wie in der Reportage berichtet. Das habe ich genau einmal gemacht. Ich wusste danach, wie sich ein Automotor in Sibirien anfühlen musste, der nach dem Kaltstart direkt auf 6000 Umdrehungen hochgetrieben und dort gehalten wird.

Danach besann ich mich darauf, dass man ja auch nicht direkt 42 Kilometer läuft, wenn man anfängt, für einen Marathon zu trainieren. Auch wurde es vom Rest des Haushalts nicht gut aufgenommen, dass der Wecker so früh klingelte - und eine Beziehungskrise konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen.

Also habe ich meinen Selbstversuch so gestaltet, dass ich einen Monat lang um 6 Uhr aufgestanden bin und direkt nach dem Aufstehen 15 Minuten meditiert habe.

Nach der Meditation machte ich mich fertig für die Arbeit. Eine große Veränderung habe ich zu meiner Enttäuschung erstmal nicht bewusst wahrgenommen, geschweige denn einen "besonderen Effekt". Nach ungefähr einer Woche ist mir dann jedoch aufgefallen, dass ich bis zum Mittag gerade mal eine Tasse Kaffee brauchte und dennoch topfit war. Das war definitiv neu.

Neben meinem allgemein wachen Zustand war ich auch noch innerlich total ruhig. Ich habe in der gleichen Zeit mehr geschafft als vorher, war dabei viel entspannter und klarer im Kopf. Damals habe ich zum ersten Mal gespürt, dass in der Ruhe Kraft liegt.

Der besondere Effekt!

Auch mein Magen erholte sich, da die Schleimhaut zum einen nicht mehr permanent von Kaffee überzogen wurde und ich zum anderen zu stressigen Situationen auf der Arbeit oder im Alltag einen gesünderen Abstand gewann. Ich stellte fest, dass ich klarer kommunizieren konnte und dadurch erfreulicherweise auch in vielen Konflikten das letzte Wort hatte. Dabei half natürlich auch, dass mich eine Zen-artige Ruhe umgab, die ich als ansonsten impulsiver Mensch eher selten ausstrahlte. Wie es dazu kam, werde ich beim nächsten Mal ausführen.

Ich weiß bis heute nicht, ob die Veränderungen, die ich an mir festgestellt habe, der "besondere Effekt" war, von dem die Reportage sprach - aber es hat mich zu einem großen Fan der Meditation gemacht, da ich erlebt habe, wie Ruhe und Energie gleichzeitig in den Körper gelangen und dort Gutes tun. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen der Meditation und mir.

Auf Kaffee verzichte ich natürlich dennoch nicht, dafür schmeckt er mir einfach zu gut. Er ist jetzt allerdings "nur" noch Genussmittel. Das nahmen auch die Mitarbeiter bei Starbucks zur Kenntnis - von der Einladung zur Weihnachtsfeier war bei den sporadischen Besuchen denn auch leider keine Rede mehr.

Wie Du es nachmachen kannst

Aus meiner Erfahrung aus dieser Zeit habe ich eine kurze Anleitung geschrieben, die dir helfen kann, meinen Selbstversuch nachzumachen:

  1. Ganz wichtig: fang langsam an - 10 - 15 Minuten am Morgen reichen für den Anfang.
  2. Such dir einen ruhigen Ort zum Meditieren und GANZ wichtig: um dich herum sollte genug Platz sein, so dass du dich nicht stößt, solltest du doch mal einschlafen (das Bücherregal im Rücken war keine gute Idee...)
  3. Stell dir einen Wecker, der dich sanft (!) aus der Meditation zurückholt. Auch eine laute Harfe kann wie die Trompeten von Jericho klingen, wenn man vertieft ist.
  4. Setz dich bequem in den Schneidersitz auf eine Decke oder Matte am Boden oder auf einen Stuhl, was immer für dich am besten passt. Achte wirklich darauf, dass die Haltung bequem ist. Es gibt bei der Meditation am Anfang nichts Schlimmeres als eine unbequeme Haltung, denn diese lenkt dich immer wieder ab.
  5. Richte dich auf, so dass deine Wirbelsäule so gerade wie möglich ist (das verhindert zumindest, dass du einschläfst, solltest du kein Morgenmensch sein. Hilft aber auch nicht immer, siehe Punkt 2 und das Bücherregal)
  6. Lege deine Hände in den Schoß, so dass eine Hand locker in der anderen liegt. Die Daumen der beiden Hände berühren sich leicht.
  7. Schließe die Augen und konzentriere dich auf deinen Atem. Nach jeder Ein- und Ausatmung zählst du innerlich eine Zahl hoch, also "1", "2", usw. Bist du bei 9 angekommen, startest du wieder bei 1.
  8. Wenn die Meditation vorbei ist, leg dich für 1-2 Minuten flach auf den Rücken hin (nicht wieder ins Bett legen!). Danach kann der Tag beginnen.

Noch ein Tipp, falls du Schwierigkeiten hast, zur Ruhe zu finden: wenn du beobachtest, dass deine Gedanken immer wieder abschweifen - willkommen im Club! Das ist am Anfang normal und passiert fast jedem (ich selbst habe schon erfolgreich bis 23 gezählt, bis ich merkte, dass ich in Gedanken war...). Sobald du das feststellst, lässt du deine Gedanken ziehen und startest einfach wieder bei 1.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren und bin gespannt, welchen "besonderen Effekt" du erleben wirst.

Veröffentlicht vor 2 Monaten unter Schwer wird leicht

Sven Panko

Sven ist Trainer für Leben braucht Bewegung im Studio in Hilden. In seinem ersten Leben hat er als Software-Entwickler Computern geholfen, Menschen zu verstehen. Heute hilft er Menschen dabei, sich selbst zu verstehen. Zu diesem Wechsel verhalf ihm vor 15 Jahren ein Burnout. Dank Leben braucht Bewegung hat er diesen vollständig überwunden und dabei seine Passion als Trainer entdeckt. Wenn er nicht trainiert oder die Webseite von Leben braucht Bewegung betreut, liebt er es zu fotografieren, mit seinen Katzen Zeit zu verbringen oder Feedback zu seinen Beiträgen zu beantworten, das er gerne per E-Mail an sp@lebenbrauchtbewegung.de empfängt.